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Gastbeitrag von Norbert Müschen: Meine Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit :

Vermischtes


Nachdenklich erwischt von Reiner Ruhl

Knapp über siebzehn Jahre ist es nun schon her, dass die friedliche Revolution in der DDR mit der Wiedervereinigung der beiden Deutschlands zu einem glücklichen Ende geführt hat. Vor sechzehn Jahren, in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990, stand auch ich auf der Treppe unseres Gocher Rathauses, mit Blick auf den proppevollen Marktplatz. Gänsehautgefühl pur, als um Mitternacht ein großes Feuerwerk gezündet und die Nationalhymne intoniert wurde, mir ein Schauer nach dem anderen den Rücken herunterlief und ich heftige Schwierigkeiten hatte, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten.

Meine Gedanken waren dabei weniger auf die Probleme ausgerichtet, die ich durchaus auf uns zukommen sah, weil es einfach ganz natürlich und logisch war, denn nicht jeder hatte in der Vergangenheit die Möglichkeiten wie ich, beide deutschen Staaten zu kennen. Zunächst überwog bei mir (und natürlich auch meinen Angehörigen sowohl im Westen, als auch den Freunden im Osten) das Glücksgefühl.

Die pure Freude darüber, jetzt ohne langen Vorlauf mit Rennereien zur Einreisebeantragung, Meldung bei der Volkspolizei, Zwangsumtausch, Spitzelei, Grenzkontrollen und -schikanen usw., usw., usw…. meine Freunde in Dresden besuchen zu können und umgekehrt. Oder nachdem nach über 20 Jahren Wartezeit endlich ein Telefon vorhanden war, man sich also jederzeit sprechen konnte, ohne den Weg über das Amt gehen zu müssen und somit auch ohne das Wissen, dass das Gespräch von der “Firma Horch und Guck” mitgehört und mitgeschnitten wird. Einfach so.

Es kamen Erinnerungen in mir hoch. Von unserem letzten Besuch in Dresden, den wir noch 1988 machten. Mit noch nie gekannten Schikanen wie Durchleuchtung der Persil-Waschmitteltrommel und dem Ausleeren meiner Hosentaschen inclusive vollgerotztem Taschentuch, da ich erkältet war wie Teufel. Wie ich denen das Taschentuch auf die Theke geklatscht hatte… Die Faust in der Tasche machend und die Schnauze haltend mit dem genauen Wissen, dass der “Aufenthalt” sich wohl noch etwas hinziehen würde, wenn ich zu dem noch etwas sagen würde.

Dieses Drecksvolk von vollkommen ideologisch verblendeten Grenzbeamtinnen (die besonders schlimm waren, diese “Flintenweiber”) und -beamten fanden aber nie, niemals, unsere illegal eingeführten Dinge wie Devisen, Briefmarken oder die Single-Schallplatte von Udo Lindenbergs Sonderzug nach Pankow oder die illegal ausgeführten Geschenke wie Geschirrtücher (!), für deren Begründung meine Schwester herhalten musste, die das Autofahren nicht verträgt, oder die Briefmarken, die mir Onkel Rudi mitgab (auch die bekannten Karl-Marx-Blöcke), die echten erzgebirgischen Weihnachtspyramiden, das Meißner Porzellan mit Drachenmuster, das wir in unerlaubt eingeführten DM unter dem Ladentisch gekauft hatten…

Die Situation, als der Grenzer mich aufforderte, das Glas meiner Innenbeleuchtung aufzumachen und mir das erstmal erklären musste, weil ich nicht wusste, wie ich das bewerkstelligen sollte. Der obligatorische Spiegel, mit dem der Unterboden abgesucht wurde oder aber auch die Situation, als wir damals bei brütender Hitze mit einem zweijährigen Kleinkind erstmals mit dem Auto rüberfahren durften, aber nichtsdestotrotz zwischen den Betonrammböcken ausharren mussten.

Aber auch das Jahr, als wir auf einen echt netten und freundlichen Beamten mit Humor trafen, als wir zu Bernds Jugendweihe fuhren. Mit unserem vollbepackten Ford Turnier. Nur die Decke mussten wir kurz lüpfen, dann lachte er und meinte, dass es Kartoffeln derzeit gäbe, wir aber besser Zwiebeln mitgebracht hätten, weil es daran mangele. “Sie können dort parken, Sie kennen sich ja aus, ich wünsche Ihnen eine gute Weiterfahrt und viel Spaß in Dresden.” Unsere bei der Commerzbank zum regulären Kurs von 1:7 getauschten DDR-Mark, die im ADAC-Schutzbrief waren, der in der Kartentasche im Fahrerfußraum war, fand er ebensowenig wie den Taschenrechner, den mein Vater schlicht und ergreifend in der Innentasche seines Sakkos beihatte.

Ich schätze mal, das wären für meinen Vater ca. 4 - 5, für meine Mutter und mich ca. 2 Jahre Bautzen gewesen. Was mit meiner kleinen Schwester geschehen wäre, male ich mir lieber nicht aus…

Vorbei nun auch die Spitzelei, das kilometerlange Schweigen nach Grenzübertritt und Erledigung des Zwangsumtausches von 25 DM in 25 Ost-Mark bei einem - wie gesagt - ganz anderen wirklichen Kurswert… Nach ca. 100 KM “Autobahn”fahrt begannen wir langsam wieder über gewisse Dinge zu sprechen, da wir außer Reichweite der Stasi-Richtmikrofone waren. Bis dahin herrschte nur gegenseitiges Anschweigen.

Mir ging die Gefahr durch den Kopf, der sich meine Freunde Bernd und Matthias bereits Anfang der 80er Jahre ausgesetzt hatten, als es in Dresden an der Kreuzkirche die ersten zaghaften Demos gab. Die Legende von Leipzig stimmt also so nicht, das muss einfach mal erwähnt werden! Ich dachte an die drei Tage Haft Matthias’ an der Grenze zur damaligen CSSR, weil er über Ungarn raus wollte, aber denunziert wurde von einem seiner “besten” Freunde, den auch ich kenne.

Mir ging Onkel Rudis Satz durch den Kopf, der da lautete “Den Krieg haben wir (die DDR-Bürger) ganz alleine verloren.” Trotzdem wurde nie aufgegeben. Aber niemand hat sich verbiegen lassen, obligatorische Demonstrationen zum 1. Mai wurden, wenn möglich, geschwänzt. Ich selber stand in Kontakt mit Stellen und einer bundesdeutschen Rechtsanwältin sowie einem Flüchtlingslager, um die Aussichten einer Ausreise auszuloten.

Nein, ich kann das gar nicht alles in diesen einen Beitrag zusammenfassen und mit klarem Verstand niederschreiben. Die Emotionen sind einfach immer noch da. Wie 1989 nach der Wende, also ein Jahr nach unserem letzten oben knapp beschriebenen Besuch, als ich wieder vor dem Haus unserer Freunde in der Dresdner Maternistraße stand: Mit einem Dienstgolf der Bundeswehr und Y-Kennzeichen, in Uniform und bei der Begrüßung dem Tränenfluss einfach freien Lauf lassend…

Vielleicht versteht man jetzt auch meine Einstellung zu einer bestimmten Partei, die ich als Demokrat zu akzeptieren habe, aber niemals zusammenarbeiten könnte, so lange dort die Generationen noch nicht vollkommen durchgewechselt haben (Ansätze dazu sehe ich aber sehr wohl und stehe zumindest mit einem in einem durchaus freundschaftlichen Austausch). Das bin ich meinen Freunden in Dresden schuldig und meiner Familie, vor allem aber meinen Großeltern, von denen Oma diesen Traum leider nicht mehr erleben durfte, und unserer Mutti.

Wer kommentieren möchte, der möge dies bitte zentral hier tun.

 

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